Per Anhalter nach Zambia: Don’t worry, you are safe!!

Nachdem wir beide den Trip per Truck von Livingstonia nach Mzuzu so sehr genossen hatten, haben wir beschlossen, das auch mal auf lange Distanz zu versuchen. Von Lilongwe nach Lusaka sind es ca. 800km, sollte in zwei Tagen zu schaffen sein. Direkt nach Lusaka deshalb, weil wir beide keine großartige Lust haben, Geld in Nationalparks zu lassen, eher wollen wir Zeit in Lusaka und am Lake Kariba verbringen als am Luangwa NP oder Zambezi River (auch wenn letzterer schon auch was hätte). Da wir eben nicht auf den Bus angewiesen sind, starten wir ganz relaxt morgens, haben genug Zeit für ein Frühstück und fahren dann per Minibus erstmal nach Mchinji, etwa 10km von der Grenze entfernt. Dort gibts noch einen kurzen Snack, weil wir schon beim Aussteigen aus dem Minibus so von Taxifahrern bedrängt werden, dass wir lieber erstmal Ruhe einkehren lassen und dann in Ruhe Preise aushandeln. Im Handeln, insbesondere als Team, sind wir mittlerweile so gut, dass wir den Fahrer des Shared-Taxis vom eigentlich festen Preis von 500 Kwacha auf 200 pro Person runterhandeln. Das lustige an der Sache ist, dass selbst die Einheimischen, die sich sonst noch im Taxi befinden, den vollen Preis zahlen, und wir beide deutlich billiger wegkommen. Langsam grenzt das an Perfektion 🙂

An der Grenze zu Zambia werden wir erstmal aufs Gründlichste gesundheitlich durchgecheckt, Gelbfieber-Impfung und das mittlerweile überall eingeführte Ebola-Screening mit Fiebermessung, mit einem Distanz-Infrarotmesser. Hübsches Hightech-Spielzeug haben die da! Wenn jetzt noch jemand der guten Dame erklärt, dass man die Körperkerntemperatur nicht irgendwo durchs T-Shirt durchmisst, weil der Wert deutlich zu niedrig sein kann, dann könnte das noch wirklich sinnvoll sein. Auf Nachfrage hab ich übrigens 34,1 Grad Körpertemperatur – laut ihrer Aussage ist das kein Fieber! Wenigstens das weiß sie.
Für 50 Dollar gibts diesmal wieder einen hübschen Sticker in den Pass (der mal wieder eine ganze Seite im Reisepass verbrät – langsam wird das Ding zu voll), glücklicherweise ist das das vorletzte Land mit Eintrittsgebühren, Zimbabwe ist das letzte dann, und auch das sind nur noch 30 Dollar…

Auf der anderen Seite angekommen folgt erstmal die Ernüchterung: weit und breit kein einziger Truck zu sehen. Unser Plan scheint sich schon in Luft aufzulösen, bevor wir überhaupt begonnen haben ihn umzusetzen. Erstmal ein Drink, dann mache ich mich ohne Gepäck mal auf den Weg und gehe ein paar hundert Meter weg von der Grenze. Hier stehen dann doch zumindest vereinzelt Trucks am Straßenrand, wenn auch meist in die falsche Richtung nach Malawi, und außer dass ich von einem Trucker ordentlich zum Trinken aus der Schnapsflasche genötigt werde, springt nix dabei raus. Dann, ganz am Ende der Schlage aber findet sich doch noch ein Truck, der zudem nicht nur in Richtung, sondern direkt nach Lusaka unterwegs ist. Ein kurzer Plausch mit dem Fahrer, und tatsächlich, er hat noch Platz, würde uns mitnehmen, fährt aber erst am späten Nachmittag los. Naja, gut, wir haben eh ordentlich Zeit eingeplant, so relaxen wir erstmal den halben Tag bei einer kleinen Pommesbude, dessen Besitzer wir im Laufe des Tages recht reich fressen 🙂

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Da auch die ganzen Porter hier im Schatten ihren Tag verbringen, wirds auch nicht langweilig, der Beste ist ein Rasta aus Dakar, Senegal, der offenbar lange in einer Popgruppe in Tanzania gesungen hat und jetzt hier gestrandet ist. Seine lustige Art Englisch zu reden, seiner Aussage nach seine Muttersprache (das kann ich einfach nicht glauben), nämlich unglaublich leise und entspannt, was so gar nicht zu der hektischen Porter-Arbeit passt.
Immer wenn wieder eine Ladung Säcke kommt, lassen auch wir uns nicht lumpen und tragen fröhlich mit auf den LKW – die Einheimischen finden das durchaus amüsant und so können wir uns über mangelnde Gespräche und Spaß nicht beschweren. Nachdem es schon beinahe dunkel ist, starten wir dann letztlich auch – gerade noch rechtzeitig, denn ein ordentlicher Schauer kommt runter: Hallo Regenzeit!

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Calvin, der Fahrer des Trucks entpuppt sich als recht witziger, aber auch teils etwas durchgeknallter Typ – unvergessen der Moment, als er sich mit seinem Riesen-Truck gegen die Fahrtrichtung zwischen zig Autos hindurch zur Zapfsäule durchdrängelt, dabei alle anderen Autos zu teils unmöglichen Rangierereien zwingt (eins davon fährt sogar rückwärts ganz ordentlich in den Truck, was aber niemanden zu stören scheint), nur um dann festzustellen, dass er an der falschen Tankstelle ist (Die vorbestellte und bezahlte Menge Diesel gibts an einer anderen Tankstelle) und fährt auf die gleiche drängelnde Weise vorwärts wieder raus, nicht ohne auch noch ordentlich über die Treppe und Laderampe drüberzubügeln. Das ganze mit immer einer Flasche Castel Lager an den Lippen, und wir merken langsam, dass das Bier im Leben eines afrikanischen Truckers einen nicht gerade kleinen Teil einnimmt. Dennoch, in einem Riesen-Truck fühlt man sich sicher, und der Bonus, im Prinzip die Fahrt im Bett des Trucks zu verbringen, toppt den Bus dann doch um Längen!
Wir verbringen die Nacht in Katete, etwa 100km jenseits der Grenze, eine kleine Truckerstadt, vor allem Nachts sind die Flächen neben der Straße voller LKWs, und die Nightclubs voller Fahrer. So verbringen wir auch die Nacht größtenteils dort, erst recht früh morgens gibts ein wenig Schlaf. Am nächsten Morgen hat es niemand so recht eilig, weiterzukommen. Calvon begrüßt uns mit einer Flasche Bier schon am Morgen mit den Worten „Don’t worry, you’re safe!!“. Als ob wir uns irgendwie anders fühlen würden 🙂

Nach dem Frühstück steigt der Gute dann doch auf Wasser um, weil er, so erklärt er, die engen kurvigen Bergstraßen nicht konzentriert fahren kann. Er hält das wirklich auch den ganzen Tag durch, wir hätten es ihm ja nicht zugetraut und haben eigentlich schon fast überlegt, den Truck zu wechseln.
Knapp 50 km nach Katete, als wir einen kleinen Zwischenstop machen, um weiter aufzuladen, durchfährt es mich plötzlich siedendheiss:
Meine Regenjacke fehlt! Meine gute Gore-Tex Regenjacke, die ist deutlich zu teuer, um sie zurückzulassen. Sie muss noch im Guesthouse sein, irgendwo hingerutscht, wo ich sie morgens nicht gefunden habe. Nach kurzer Rücksprache mit Bobby schnappen wir uns ein Taxi, und fahren die 50km zurück nach Katete (kostet hin und zurück knapp 15 Euro) und tatsächlich, nach einigen Sprachproblemen mit der Putzfrau bekomme ich die Jacke, die sie gefunden hat, tatsächlich zurück. Riesen Glück!! Und auch sie ist sichtlich hochzufrieden mit den 20 Kwacha Trinkgeld, die sie bekommt, das dürfte wahrscheinlich mehr sein, als sie in 1 oder 2 Tagen Arbeit verdient.

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Wieder zurück am Truck, der immer noch da ist, gehts dann weiter Richtung Lusaka. Über die Berge durch enge Straßen dauert die Strecke doch deutlich länger als gedacht. Ich relaxe eigentlich die meiste Zeit am Bett, wache nur hin und wieder auf. Bobby ist mittlerweile ziemlich gut im Kommunizieren mit den Afrikanern. Gerade hier in Zambia sprechen die Leute, verglichen mit Tanzania beispielsweise, extrem gut englisch, dennoch ist es eher Pidgin-Sprache als wirklich fließendes Englisch. Bestimmte Formulierungen oder Phrasen finden sich hier besonders oft, zwischen mir und Bobby hat sich her schon mancher Running Gag eingenistet, und wir benutzen diese Phrasen auch zunehmend selbst als Witz. „Even myself“ für „Ich auch“ oder das allseits beliebte „too much“, dazu hohe spitze Laute oder Zungenschnalzer, all das hilft bei der Kommunikation deutlich weiter. Calvin, der die Fähigkeiten der meisten Afrikaner in Sachen Nonsens reden noch deutlich übertrifft, steuert noch sein ständiges „We are like soldiers!“ oder das ewige „Don’t worry, you are safe!“ bei.
Irgendwann schnappe ich das Gespräch zwischen ihnen kurz auf, Calvin verweist auf die Schlaglöcher, und meint „Chinese, they built this road!“, worauf Bobby grinsend mit „Ah, Chinese, they like building roads too much!“ antwortet. Ich muss so lachen dass ich fast vom Bett falle…!

Nachdem es irgendwann so spät ist, dass Lusaka heute nicht mehr erreicht werden kann, stoppen wir in einem kleinen Ort kurz vor der Stadt. Calvin hat offenbar beschlossen, die Nacht im nächsten Nightclub zu verbringen, wir lehnen dankend ab und schlafen derweil auf dem Trailer des Trucks…
Als es um 4 Uhr morgens endlich weitergeht (langsam haben wir beide ein wenig genug vom Truck und auch von Calvin, der selbst nüchtern schon recht anstrengend ist), werden die nächsten 2 Stunden nach Lusaka nochmal sehr hart. Die Fahrweise ist recht aggressiv jetzt, und so mancher Speedbump wird mit dermaßen Geschwindigkeit überfahren, dass wir einen halben Meter vom Sitz hochgeworfen werden. OK, er hat das für seinen Pegel noch recht gut im Griff, und wie schon zuvor erwähnt, in einem 25-Tonnen-Truck fühlt man sich dann doch deutlich sicherer als in einem Minibus, wo die Fahrer wahrscheinlich den selben Pegel haben, man bekommt es aber meist nicht so direkt mit. So sind wir beide dann doch heilfroh, als wir morgens endlich in Lusaka ankommen. Die Fahrt war eine coole Erfahrung, bequem und günstig oben drein, aber für die nächsten 800km nach Livingstone werden wir dann doch wieder den Bus nehmen vermutlich.

In Lusaka lassen wir uns in der Nähe des City Markets absetzen und suchen erstmal nach einem Guesthouse. Wir finden ein ziemlich gutes nicht weit entfernt, auch wenn die Preise hier schon recht gesalzen sind, knapp 16 Euro für ein Doppelzimmer. Wenn man bedenkt, dass man in Tanzania und teilweise Malawi für 2 Euro pro Nacht in ganz annehmbaren Guesthouses schlafen konnte, ist das schon ein ordentlicher Preisanstieg. Dafür befinden wir uns direkt im quirligen Viertel um den Markt, ein richtig interessanter Ort, kleine Geschäfte und Marktstände soweit das Auge reicht. Ausgedehnte Shoppingtouren bestimmen folglich den Tag, man bekommt hier wirlich alles, nicht immer funktionierend (meine neue Powerbank hält vielleicht 10 Minuten lang), aber immer so billig, dass ein Fehlkauf nicht weiter ins Gewicht fällt…!

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Was hier auffällt, ist die Freundlichkeit und Höflichkeit in Zambia. Noch an keinem anderen Ort auf dieser Reise konnte ich mich so relaxt bewegen. Klar, man wird immer noch angesprochen, aber es ist viel seltener, und meistens nur für ein Gespräch, ein kleiner Plausch. Mzungu-Preise findet man hier nur in Ausnahmefällen. Selbst im Busbahnhof kann man gemütlich herumlaufen ohne ständig Flycatcher und Händler, Bettler und sonstige aufdringliche Leute abwehren zu müssen – in Ostafrika ein Ding der Unmöglichkeit! Obwohl die Gegend um unser Guesthouse aussieht, wie das schlimmste Armutsviertel, das sich ein durchschnittlicher Europäer vorstellen kann, so ist es für mich gerade einer der relaxtesten Plätze, den ich je in einer afrikanischen Stadt gesehen habe. Was auch noch auffällt: die Auswahl auf dem Markt hat wieder ordentlich zugenommen. War es schon in Tanzania sehr schwer, Avocados zu finden, seitdem ein Ding der Unmöglichkeit, so wird man hier von Auswahl fast erschlagen. Nicht nur Avcados, auch Gurken, Paprika, Gurken und Äpfel, Trauben, Wassermelonen, alles was wir schon seit Wochen nicht mehr auf den Märkten gefunden haben, gibt es hier wieder an jeder Ecke. Auch das alles etwas teurer als in den vorhergehenden Ländern, aber immer noch lächerlich billig.
So bringen wir wenigstens den Vitaminhaushalt wieder in Schwung!

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Und auch in den engen Gassen der umliegenden Slums finden wir wieder günstiges Essen, auch wenn Reis hier recht selten zu finden ist, meistens läufts dann doch auf Nsima (sehr ähnlich dem ostafrikanischen Ugali) raus, aber bei weniger als 1 Euro pro Nase ist man ja wirklich nicht wählerisch. So schonen wir unser Budget wenigstens wieder ordentlich (Namibia und Südafrika dürften das noch ordentlich belasten).

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Nachdem es uns beiden in Lusaka ausserordentlich gut gefällt, bleiben wir hier noch eine weitere Nacht und nutzen den nächsten Tag für einen etwas ausgedehnteren Streifzug ins Stadtzentrum. Dabei sticht uns schon recht bald der Samsung-Tower ins Auge, das höchste Gebäude der Stadt. Die Aussicht dort oben müsste super sein, aber es ist laut den Umstehenden nicht möglich, dort hineinzukommen.
Herausforderung angenommen!
Mit so manchen unterschiedlichen Geschichten und Behauptungen erschwindeln wir uns erst den Zugang zum Gebäude, dann bis hinauf in den 23. Stock, wo wir erst einen ganz entspannten Plausch mit den Angestellten eines dort sich befindenden Radiosendern haben, die uns dann den „Weg“ aufs Dach zeigen. Nach einer weniger schwierigen, als vielmehr ob der rostigen Träger und Rohre nervenkitzelnden Kletterpartie stehen wir schließlich am Dach des Gebäudes, zwischen rostigen Antennen, und viel Metallmüll (so hab ich mir ein afrikanisches Hochhausdach vorgestellt, genau so!), und genießen den überwältigenden Ausblick über die Stadt, die an jedem Ende bis zum Horizont reicht. Ja, und die obligatorischen Fotos gibts natürlich auch noch! Ist auch ein selten genialer Platz dafür.

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Am Weg nach unten haben wir noch ein kurzes Gespräch mit einigen Frauen, deren Versuch, Geld zu verlangen für das Dach, Bobby so genial kontert, dass ausser einem fröhlichen Lacher nichts mehr zurückkommt. Auch im Aufzug nach unten werden alle Fahrgäste unterhalten…
Ich muss schon sagen, nachdem ich mit dem schrägen Holländer anfangs recht skeptisch war, bin ich mittlerweile so froh, ihn getroffen zu haben!
Auf schon fast unheimliche Art haben wir beide die selben Interessen und Vorstellungen beim Reisen, den selben Humor, sind beide unkompliziert, und ich mag seine Art, mit den Menschen hier umzugehen! Ich hoffe, dass wir noch einige Zeit gemeinsam unterwegs sein werden, er ist immer noch unsicher, ob er nach den Victoriafalls nach Mozambique oder mit mir nach Namibia reisen soll…

Da ich, so sehr ich Lusaka auch genieße, langsam wieder ein wenig weiter will, fahren wir morgen weiter zum Lake Kariba, dem See zwischen Zambia und Zimbabwe, bevor wir dann Anfang der Woche die Victoriafalls in Angriff nehmen werden.
Achja, und seit heute morgen hab ich endlich auch die Mitteilung der Studienabteilung, dass mein Promotionsbescheid erstellt ist. Ab sofort darf ich also bei den Sign-Büchern an Hotels, Guesthouses und Grenzstationen unter Occupation mit gutem Gewissen „Doctor“ eintragen 🙂
Das wars mal aus Lusaka, sollte jemals mal jemand hier vorbeikommen, lasst euch das nicht entgehen! Und der Weg auf den Samsung-Tower ist easy, eine gute Geschichte beim Portier hilft auf jeden Fall 🙂

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