Windhoek oder wenn mal gar nichts nach Plan läuft

Windhoek überfordert mich erst mal total. Es fehlt hier einfach an allem, was ich in den letzten Wochen schätzen gelernt habe, alles woran ich gewöhnt bin. Ein schön chaotisches Verkehrssystem, bei dem man nie weiß, wo man eigentlich ankommen wird: Fehlanzeige! Abertausende kleiner Shops, die man alle abklappern muss, wenn man was bestimmtes sucht: Von wegen, nur Supermärkte und Shopping-Malls. Kaputte Straßen, heruntergekommene Gegenden, Dreck wohin das Auge blickt: Nö, alles neu, modern und sauber.
Fühlt sich echt seltsam an. Ich hatte ja gedacht, dass mein Afrika-Trip in Cape-Town endet, denn Südafrika kann man eigentlich nicht mehr als Afrika bezeichnen. Es scheint aber, dass ich mich geirrt habe, mein Afrika-Trip endet hier in Windhoek. Nicht nur, dass es wie Europa aussieht, es ist auch noch wie Deutschland. An allen Ecken und Enden hört man Deutsch, überall sind deutsche Plakate zu finden, die Straßennamen und Gebäude sind teils in deutsch…
Man merkt schon, dass Namibia eine deutsche Kolonie war, dass allerdings noch so viel davon übrig ist, verwundert dann doch etwas, aber anscheinend wandern auch viele Deutsche hierher aus…

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Im Hostel angekommen, mein Zelt fertig aufgebaut, verschaffe ich mir erstmal einen Überblick. Da der ursprüngliche Plan, mit Bobby ein Auto zu mieten und durch Namibia zu touren, an Bobbys Abstecher nach Harare gescheitert ist, lote ich erstmal die Möglichkeiten aus. Was kostet denn eine Tour nach Sossousvlei in die Namib-Wüste? (Verdammt viel!) Was kostet ein Leihwagen pro Tag? (Immernoch viel) Und kann ich mit meiner Kopie des Führerscheins, das Orginal liegt zu Hause, überhaupt ein Auto mieten? (Ja, kein Problem, aber ob die Polizei das an einer der zahlreichen Roadblocks so begrüßenswert findet, ist fraglich… Fazit: Stress mit der Polizei, oder ein ordentliches Investment in eine Bestechungskasse!)
Irgendwie ist das alles scheisse! Meine Pläne lösen sich einer nach dem anderen in Luft auf… Der Flug nach Cape-Town – eine bescheuerte Idee: er hält mich nun auch noch über eine Woche hier fest, sonst hätte ich auch von Stadt zu Stadt nach Süden weiterfahren können.
Dazu kommt noch Montezumas Rache, die mich schon am ersten Tag her ereilt!
Den Camelpak in Botswana in der teuren Lodge, wo ich campen durfte, aufzufüllen war rückblickend wohl keine so gute Idee – auch wenn ich es schon recht witzig finde, dass es mich ausgerechnet da jetzt erwischt, schließlich habe ich wochenlang in einheimischen Hinterhofküchen gegessen und deren Wasser getrunken…
Ich bin erst mal massiv frustriert. Bisher hat alles auf dem Trip so mehr oder weniger funktioniert, aber seit Maun habe ich eine Pechsträhne, die mir jetzt echt zu viel wird. Auch ein Abend an der Bar kann die nicht lösen, aber zumindest hebt sich meine Laune wieder etwas…
Am nächsten Tag stelle ich mich meinen Problemen. Ich löchere erst mal jeden hier mit Fragen, was man denn sonst so in Namibia machen könnte. Ausserdem klappereich alle Hostels in Windhoek ab und verteile Zettel, dass ich jemanden suche, der sich mit mir ein Auto teilt. Wenigstens mal was anderes als herumsitzen. Dabei komme ich dann doch ganz schön herum in Windhoek. Die Stadt ist eigentlich ziemlich klein, und ausserhalb des Zentrums wie ein Provinzstädtchen. Richtig gemütlich eigentlich, auch wenn ich noch immer nicht ganz mit dem plötzlichen europäischen Flair klarkomme. Als ich am Nachmittag vorm letzten Hostel stehe, sehe ich auf einmal ein Motorrad mit Frankfurter Kennzeichen. Den kennst du doch. Tatsächlich, es ist Daniel, der da grad angekommen ist. Es ist schon witzig wie man die gleichen Leute immer wieder trifft. Ich schleppe ihn dann mal in mein Hostel.
Achja, meinen ersten Patienten als fertiger Arzt hab ich auch noch. Ein junger Ami mit Brechdurchfall (also diese gemeine Tropenkrankheit, bei der man nicht weiß, welche Körperöffnung man über der Kloschüssel platzieren soll), Schüttelfrost, aber ohne Fieber. Stellt sich heraus, er hat am Vortag seine Gelbfieber-Impfung bekommen. Kortison hätte ich sogar dabei, aber das ist seit ein paar Wochen abgelaufen, und damit will ich eigentlich niemand anderen versorgen. Dafür begleite ich ihn ins Krankenhaus, wo man ihn um einiges Geld erleichtert, aber mit einem ordentlichen Medikamentenpack ausstattet, unter anderem Kortison innerhalb des Verfallsdatums 🙂
Mit Daniel verbringe ich einen schönen entspannten Abend, mit gemeinsamem Kochen, ein paar Bierchen und vielen vielen Geschichten, was uns denn beiden so in den vergangenen 6 Wochen, seit unserem ersten Treffen in Kigali widerfahren ist.
Am nächsten Tag hab ich dann meine Entscheidung gefällt. Es macht keinen Sinn, hier in Windhoek zu warten, ob sich irgendwer findet, ich hab das Gefühl, dass ich am Ende meine ganze Zeit in Namibia hier verbringe, und letztlich überhaupt nix vom Land sehe. Ein Alternativ-Plan muss her. Daniel hat mir von den Dünen in Swakopmund erzählt, die zwar nicht so schön wie die Namib-Wüste sind, aber dennoch beeindruckend. Ich brauch auch mal nen Tapetenwechsel.
So beschließe ich also, am nächsten Tag nach Swakopmund zu fahren, mit den Minibussen (denn Intercape und die Hostel-Shuttels sind schweineteuer), die in Windhoek etwas ausserhalb des Zentrums, am Rhino Park an einer Tankstelle losfahren.

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Abends organisieren wir mit Ursula, einer etwas älteren Deutschen und einem Italiener, Spanier, Franzosen ein hübsches multikulturelles Braai (afrikaans für BBQ), das uns, so viel Lob muss sein, phänomenal gut gelingt. So manche Rezepte dabei muss ich dringend auch in mein Grill-Repertoire aufnehmen!!
Danach gehen wir noch alle gemeinsam ins Warehouse, einer kleinen, etwas heruntergekommenen (aber vielleicht gerade deshalb mit richtig coolem Flair!) Bar nicht weit vom Hostel, wo eine richtig coole Liveband spielt. Schon mal ne schöne Einstimmung auf das Foo Fighters Konzert nächste Woche in Cape Town.
Ja, und am nächsten Morgen breche ich dann nach Swakopmund auf, um mal zumindest etwas neues zu sehen, wenn schon die Namib-Naukluft Wüste nicht machbar ist…

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