Von einem der auszog um Schnee zu finden

Nachdem der Pineapple-Express mit seinem regnerischen und warmen Wetter endlich aus Revelstoke abgezogen ist, kommt wieder kalte Luft von Norden her. Leider handelt es sich dabei nicht um die kalt-feuchten Streams, sondern um heftige trockene Kaltstreams, die zwar den Pineapple-Express vertreiben, aber mit ihm auch jegliche Wolken. Die nächsten zwei Wochen stehen fast ausschließlich im Zeichen von blauem Himmel und Sonne satt – Schnee ist und bleibt Mangelware. Während es nachts bitter kalt wird, heizt die Sonne unter Tags ganz ordentlich auf, sodass die Schneeschmelze direkt weitergeht, zumindest etwas langsamer als die vergangenen Wochen.
Generell fühlt sich es viel mehr wie Frühling an, es sind laut Avalanche Canada Verhältnisse wie im April und ein Snowpack wie im Mai… Na super!

Aber dafür eignen sich die Verhältnisse ziemlich gut zum Skitouren, und das ist ja eigentlich der Grund, wieso ich hier her gekommen bin!
Das eigentliche Problem ist nur, dass es in der vergangenen Woche, als es bis hoch hinauf geregnet hat, die Schneedecke ordentlich durchfeuchtet hat: Weder lawinentechnisch ideal, noch recht schön fürs optimale Skifahren!
Aber nach dem Party-Wochenende bin ich extrem scharf, endlich wieder nach draussen zu kommen.

Am Sonntag gehts mit Jordan, einem Kanadier gemeinsam nach Rogers Pass. Für heute steht ein Gipfel mit dem schönen Namen Video Peak auf dem Programm. Video Peak deshalb, weil er mit seinem weiten Face perfect für Shootings geeignet ist. Um dorthin zu kommen, muss man allerdings erst mal so einige Zeit in Richtung Balu Pass im Tal entlang gehen, wobei der Skintrack sich als völlig vereist und alles andere als gut zu gehen erweist. Muss ich mir ausgerechnet für Kanada noch Harscheisen kaufen??

Man könnte das auch die drei Zinnen nennen

Man könnte das auch die drei Zinnen nennen

Da war die Sonne noch zu sehen...

Da war die Sonne noch zu sehen…

Jordan beim Spuren

Jordan beim Spuren

Nach einem durchaus beschwerlichen Anstieg, bei dem man gefühlt für jeden zweiten Schritt wieder einen nach hinten rutscht, erreichen wir endlich die Hochebene auf knapp 2000m. Hier ist der Schnee zwar etwas feuchter, aber erstaunlicherweise doch recht gut, und das gibt Hoffnung für das Face selbst. Am Gipfel angekommen zieht es leider fast entgültig zu, sodass es mit Foto- und Videoaufnahmen etwas schwieriger wird – das offene Face ist kaum felsdurchsetzt und bietet folglich im Schatten ungefähr gar keinen Kontrast.

Video Peak Face

Video Peak Face

Dennoch lassen wir es uns nicht nehmen, gleich mehrere Runden zu drehen (was für eine erfrischende Abwechslung, endlich mal tourentechnisch ans Limit zu gehen, weil nicht die Hälfte meiner Gruppe schon nach 500HM am Ende ist 🙂 )

Endlich mal wieder schöne Turns in gutem Schnee!

Endlich mal wieder schöne Turns in gutem Schnee!

Warum stauben meine Ski nicht so schön?

Warum stauben meine Ski nicht so schön?

Dort oben erweist sich auch der Schnee als erstaunlich gut, und fast komplett trocken – angesichts der Höhe von nur knapp 2500m durchaus überraschend, aber das gibt Hoffung für mehr!

Nicht so schlecht, der Schnee

Nicht so schlecht, der Schnee

"Bleibt daheim!" sagten sie. "Es gibt keinen Schnee" sagten sie.

„Bleibt daheim!“ sagten sie. „Es gibt keinen Schnee“ sagten sie.

Und so gibts am nächsten Tag gleich die Fortsetzung (und den Beginn einer intensiven Skitourenwoche)!
Mit Matthias, einem Bayer, den ich schon seit ein paar Wochen kenne, aber der sich vor ein paar Tagen angesichts der Schneeverhältnisse hier ein Tourensetup zugelegt hat, mache ich die erste Erkundungstour.
Und hier stellen wir erstens fest, dass sich Frühaufstehen lohnt (mit meinem spanischen Mitbewohner ist diesbezüglich kein Staat zu machen, daher bin ich mittlerweile auf Skibus umgestiegen) und sich kaum Skitourengeher um diese Zeit auf den Weg machen. In der Montana Bowl, nicht weit vom Resort entfernt, können wir noch so einige first lines in den Schnee ziehen. Gleichzeitig erkennen wir aber auch das momentane Potenzial der schwerer zugänglichen Gebiete östlich der Bergkette. Schwer zugänglich deshalb, weil man mühsam wieder zurück zur Bergkette aufsteigen muss, teils auf Routen, die nicht offensichtlich und bei diesen Verhältnissen ziemlich schwer zu gehen sind (vor allem für Splitboarder).

So nehmen wir uns am nächsten Tag Judge’s Peak vor. Dessen massives Ostface, das recht steil, aber ziemlich flowig zu fahren sein muss, hab ich schon länger im Auge. (Davon abgesehen gibts in diesem Talkessel noch eine Line, die mir seit Wochen im Kopf rumspinnt, und die ich in den nächsten Wochen unbedingt noch fahren muss!)
Und tatsächlich, das Face entpuppt sich (abgesehen von der Tatsache, dass man, wie überall dieser Tage, auf vereiste Lawinenausläufer achten muss, die heimtückisch halbverdeckt im Schnee lauern und auf unachtsame Skifahrer warten, die sie brutalst zu Fall bringen könnten) als traumhafte Abfahrt: Der Großteil des Hangs in der Sonne, ordentlich Speed, und knapp 20cm fast trockener Powder/Triebschnee macht irre Spaß. Rückblickend wahrscheinlich der beste Run der vergangenen 2-3 Wochen!
Dafür ist die Rückkehr aus dem Kessel ziemlich tricky. Als ich vor vielen Wochen mal MacDaddy (das Ost-Face des Mt. Mackenzie, auch bekannt aus der Freeride World Tour) gefahren bin, hab ich gesehen, wie man von dem Kessel heraus wieder in das Haupt-Tal (genannt Highway Bowl) kommt. Nur die genaue Linie zu finden war aus der Ferne nicht möglich. Letztlich finden wir nach längerem Traversieren eine steile und völlig vereiste Rinne, die wir zur Abfahrt nutzen. Ist zwar cool, derart technisch anspruchsvolles Terrain zu fahren, aber Spaß macht es nicht unbedingt!
Im Ausläufer der Highway Bowl angekommen, beginnt der Aufstieg. Vorher aber machen wir noch gemütlich Brotzeit am Bach. Wir plaudern über dies und das, auch über die Frühlingshafte Witterung, und über den eventuell verkürzten Winterschlaf (wir haben so einige Eichhörnchen gesehen, die eigentlich noch schlafen sollten). Danach machen wir uns auf, die Aufstiegsspur zu finden, die uns zurück ins Skigebiet führt (ganz ins Tal kann man hier nicht fahren, da sich einige vereiste Klippen und Eisfälle hier befinden, die wohl schon einige Leute das Leben gekostet haben). Ich weiß zwar, wo sie los geht, und wo sie ungefähr entlang führt, aber im vereisten Schnee ist sie nicht mehr sichtbar, und so müssen wir erstmal selbst spuren. Der Aufstieg ist eine Qual, im vereisten Schnee greifen die Kanten fast gar nicht, und eine Spur zu setzen ist auch unmöglich. Dank GPS finden wir wenigsten die geringste Hangneigung, dennoch ist es alles andere als einfach. Wenigstens ab der Hälfte setzen wir eine Spur in den zunehmend feuchten Schnee, sodass es die nächsten Tage einfacher werden sollte.

Am nächsten Tag steht MacDaddys auf dem Programm. Da das Face nachwievor unverspurt ist, und das nicht so oft vorkommt (vor allem nicht mit geringer Lawinengefahr), wollen wir diese Chance nutzen.

Hui, ganz schön steil

Hui, ganz schön steil

Eigenartiges Wetter

Eigenartiges Wetter

Bei mir geht das leider nicht so gut aus. Nach dem ersten Drittel mache ich einen dummen Fahrfehler und gerate in den losen Schnee, den ich mit den ersten Turns losgetreten habe. Sofort reisst es mir den Boden unter den Füßen weg, und ich beginne, auf dem steilen Face abzurutschen, auf das nächste große Felsband zu. Da das aber noch recht weit entfernt ist, habe ich Zeit genug, mich einmal umzukugeln und mit den Kanten wieder nach Griff zu suchen, bis ich mich seitlich daraus befreien kann. Dabei verliere ich einen meiner Stöcke, der vom Schnee sofort mitgerissen wird und auf Nimmerwiedersehen über das Cliff verschwindet. Na toll.

Man kann ganz gut die Spur des Sluffs erkennen, der mich erwischt hat

Man kann ganz gut die Spur des Sluffs erkennen, der mich erwischt hat

Auch wenn ich Glück gehabt habe, ohne Stock wird der Rest der Abfahrt eine Quälerei, auch der Aufstieg ist alles andere als einfach (dennoch viel schneller als gestern – einem abgebrochenen Ast sei Dank). Zumindest von Matthias springen dafür einige tolle Bilder im MacDaddy raus:

Wo gehts hier bitte weiter?

Wo gehts hier bitte weiter?

Von wegen schlechter Schnee!

Von wegen schlechter Schnee!

Das ganze Face

Das ganze Face

Die nächsten Tage verbringen wir auch wieder um Highway Bowl herum, wobei das Wetter jeden Tag traumhaft ist. Ich hab mir gebraucht ein paar Stöcke gekauft, was ich jedoch bitter bereue, weil ich am eigenen Leib erfahre, was für ein Käse denn Karbonstecken sind! Schon nach 1 Tag bricht der erste davon ab, sodass ich jetzt nur noch zwei unterschiedliche Stecken habe…

Meine beiden verbleibenden Mittstreiter

Meine beiden verbleibenden Mittstreiter

Beim Versuch, eine steile Rinne am Ostende der Jugde’s Bowl zu erreichen (was letztlich nicht so einfach möglich ist, wie wir uns denken) erkennen wir das Potential des riesigen Tales südöstlich des Skigebiets, das ab jetzt unser persönlicher Spielplatz wird für die nächsten Wochen.

Schon wieder Ghost Peak

Schon wieder Ghost Peak

Genialer Run

Genialer Run

Kann man sich nen besseren Platz für eine Brotzeit vorstellen?

Kann man sich nen besseren Platz für eine Brotzeit vorstellen?

Mittagszeit ist Brotzeitzeit

Mittagszeit ist Brotzeitzeit

Mattias

Mattias

Eines Abends gibt es noch eine Spätnachmittagsskitour mit Kerri, einer Freundin von Michelle. Ist schon was besonderes, spät abends der letzte am Berg zu sein, die Farben wirken noch viel intensiver! Da bei der Abfahrt Kerris Bindung bricht, kommen wir erst nach Einbruch der Dunkelheit zurück ins Skigebiet (endlich macht sich mal bezahlt, dass ich immer zwei Stirnlampen im Rucksack habe zur Sicherheit!). Der Run über die frisch präparierten Pisten in der Sternenklaren Nacht ist auf jeden Fall ein ganz persönliches Highlight dieses Trips!!!

Sonnenuntergangsstimmung am Montana Creek

Sonnenuntergangsstimmung am Montana Creek

Das Resort einmal in ganz anderem Licht

Das Resort einmal in ganz anderem Licht

Am Wochenende mache ich mich dann mit Jordan und seinem Freund Luke auf zum Rodgers Pass. Die beiden haben den ehrgeizigen Plan, die knapp 2000 Höhenmeter zum Mount Rodgers über den Gletscher aufzusteigen, und da sie noch einen Klettergurt übrig haben (meiner kommt erst mit Ashton aus Calgary), darf ich sie begleiten. 2000 Höhenmeter mit meinem schweren Setup, das kann ja heiter werden. Die beiden pushen mich zu Höchstleistungen, im Schnitt 600 HM pro Stunde steigen wir auf.

Beschwerlicher Aufstieg

Beschwerlicher Aufstieg

Mt. Rodgers

Mt. Rodgers

Swiss Peaks

Swiss Peaks

Mt. Tupper

Mt. Tupper

Da an diesem Tag die Sonne unbarmherzig herunterbrennt (ich lege fast alle Layers ab und bin halbnackt unterwegs), trauen wir uns letztlich nicht mehr in das steile Face, das oberhalb des Gletschers auf den Gipfel führt. Stattdessen kürzen wir ab zum Hermit Glacier, und fahren davon ab. Das ist auch für mich ganz gut so, denn nach über 1500 HM bin ich schon ordentlich k.o.

Am Gipfel

Am Gipfel

Hermit Glacier mit Mt. Tupper

Hermit Glacier mit Mt. Tupper

Die Abfahrt ist dafür zumindest die ersten paar hundert Höhenmeter genial, da noch recht guter tiefer Schnee, dafür wird es eine einzige Qual bis zum Auto…!
Aber der Schnee im oberen Teil und die Aussicht haben uns die Mühen zigfach entlohnt!

Blick über Rodgers Pass mit Illecillewaet-Glacier

Blick über Rodgers Pass mit Illecillewaet-Glacier

Illecillewaet-Glacier, der größte Gletscher im Glacier NP

Illecillewaet-Glacier, der größte Gletscher im Glacier NP

Abends ist dann Ashton aus Calgary zurück. Mit ihm kehrt der Spaß zurück ins Apartment (dadurch, dass Victor, Michelle und Ashtons Zwischenmieter Ismael oft arbeiten, war es schon recht fad), schön dass ein anderer arbeitsloser Skibum wieder dort wohnt 🙂

Die nächsten Tage verbringen wir dann erstmal damit, Ashton in unsere Tourengebiete einzuführen, wir planen Touren für die nächsten Tage, grillen abends, fahren zu den St. Leon HotSprings (und ernten dort ordentlich Beifall für das Zubereiten von Pancakes in den HotSprings) und üben mit dem neuen Equipment (Ashton hat mir Hochtouren-Equipment wie Steigeisen, Eispickel, Klettergurt, etc. aus Calgary mitgebracht, wo es günstiger ist). Ausserdem schießen wir die ersten Filme mit Ashtons SLR und üben damit, da ich endlich auch mal Footage aus anderem Blickwinkel in meine Videos schneiden will.
Meinen zweiten Karbonstock breche ich mir übrigens auch gleich noch ab. Ich hab die Schnauze voll!! Ich fahre direkt ab und kaufe mir neue Black Diamond Traverse (die selben Stöcke die ich vorher hatte, bevor ich einen davon im MacDaddy geopfert habe). Nie wieder Karbon!!
Wenigstens hab ich jetzt einen hübschen GoPro Selfie Stick (lassen wir mal ausser Acht, dass ich für den quasi 40 Dollar bezahlt habe!)

Da Ashton am folgenden Wochenende nochmal nach Calgary muss, und auch Matthias seinen Bruder in Calgary vom Flughafen abholt, mache ich nach 11 Skitourentagen am Stück mal ein bisschen Pause (meine Füße danken es mir sehr!)

Fazit: Die besten zwei Wochen bisher! Auch ohne Powder kann man hier extrem viel Spaß haben, und der März wird großartig!
Als 4er Gruppe sind wir perfekt aufgestellt und jetzt wird es Zeit, die großen Ziele in Angriff zu nehmen!

Und hier gibts das ganze auch in bewegten Bildern in Episode 3:

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2 Antworten zu “Von einem der auszog um Schnee zu finden

  1. Yeah! Dein Video rockt… Und ich weiß, was ich mir von dir wünsche, wenn du zurück kommst. Pfannkuchen und diese lässige Wendung dazu. Außerdem solltest du Sprecher statt Arzt werden. 🙂

    • Dankeschön Lea! Den Text hab ich so einige Male aufnehmen müssen, bis ich damit halbwegs zufrieden war.
      Der Deal steht, beim nächsten Katerfrühstück gibt’s dann Pancakes! Versprochen 🙂

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